Cat12
Das schöne, schöne Bollywood
Aakar Patel 10/12/2008
Bollywood ist in Indien eine endgültige Macht, welche die Werte einer konservativen Nation behutsam abmildert.
Die Bilanzgröße der indischen Filmindustrie beträgt 2,5 Milliarden Dollar, welche im Vergleich zu der von Amerika, mit 40 Milliarden Dollar, kläglich sind. Aber Bollywood verdoppelt sich alle fünf Jahre in der Größe und sein kultureller Einfluss ist größer als seine Zahlen.
Die Verkäufe von Tickets in Bollywood machen nur 0,7 Prozent des weltweiten Unterhaltungsgeschäftes aus. Im Jahr 2011 werden es, entsprechend eines Berichts der ‘Confederation of Indian Industry’ und ‚AT Kearny’, 1,3 Prozent geworden sein. Die indische Trickfilmindustrie hat im letzten Jahr im Geschäft 285 Millionen Dollar gemacht. Sie ist um 35 Prozent gewachsen. Die Spielindustrie ist um 70 Prozent gewachsen und wird im nächsten Jahr 300 Millionen Dollar machen.
Vier Dinge forcieren die Größe und die Macht von Bollywood. Der Zuwachs von hunderten Kinoleinwänden pro Jahr in ganz Indien, besonders in Einkaufszentren und Multiplexen (Indien hat nur 12 Leinwände auf eine Million Menschen im Vergleich zu den USA mit 117); die Verbesserung der Beschaffenheit der Kinosäle, was die Familien der Mittelklasse ermuntert hat, aus dem Haus zu gehen; die Erhöhung der Ticketpreise, die selten weniger als 100 Rupien kosten; und ein wachsendes, weltweites Verlangen nach Bollywood, nicht nur von den Südasiaten.
Der Inhalt der Bollywoodfilme hat sich auch verändert. Im Laufe der 90er Jahre spaltete sich Bollywood in zwei Teile auf. Ein Teil wendet sich noch an das alte Publikum, welches dem bösen Helden zujubelt, der vermöbelt, aufschlitzt und sich den Weg freischießt und damit seine vergewaltigten Schwestern und niedergemetzelten Brüder rächt.
Dharmendra und Mithun Chakraborty machen immer noch Filme, die dieses Publikum bedienen – das ländliche Nordindien – das die Ehre aufrechterhält. Sogar wenn jeder in dem Film stirbt, ist das in Ordnung, so lange die Ehre des Helden unversehrt ist. Das sind Filme, die kostengünstig gemacht werden und nicht in Multiplexen veröffentlicht werden. Weil Bollywood von dieser Kategorie ablässt, wird sie vom Regionalkino aufgenommen, solchen wie Bhojpuri.
Der andere Strom von Filmen, nennen wir ihn modern, ist es, der jetzt in Bollywood dominiert, und er kommt aus den größten Produktionshäusern von Bombay, wie ‚Yash Raj Films’ von Yash Chopra und Karan Johar's ‚Dharma Productions’.
Diese Art Film hat einen Helden, der weniger gewalttätig ist, sondern eher umsichtig und es ist unwahrscheinlich, dass er seine Familie seiner Ehre opfert. Es könnte sogar einen Helden geben, der einen Homosexuellen spielt („Dostana” – kommt nächsten Monat raus), illegal in Indien ist, oder mit einer Frau sympathisiert, die vom Weg abgekommen ist („Kabhi Alvida Na Kehna“ - 2006). Es gibt gegenwärtig eine Debatte in Indien zwischen Gesundheitsminister Anbumani Ramadoss, der die Homosexualität legalisieren will und dem Minister für Inneres Shivraj Patil, für den es ein Verbrechen bleibt. Patil mag die Ansicht der Mehrheit verkörpern, aber Bollywood ist auf der Seite von Ramadoss. Wenn nicht jetzt, sehr bald wird Bollywood die Oberhand erlangen: Das ist immer so. Nur eine Stadt kann Bollywood hervorgebracht haben und das ist Bombay: Nicht Delhi, nicht Lahore, nicht Karachi.
Bombay spricht nicht von Natur aus Hindi – oder etwa gut. Aber drei Jahrhunderte des Handels haben ihm eine großzügige, pragmatische Kultur geschenkt, die keine andere Stadt in Südasien haben kann. Das hat für Bollywood den Platz freigemacht, kreativ zu sein und die allgemeine Meinung herauszufordern. Die dominanten Gemeinschaften von Bollywood sind zwei: Punjabis und Urdu-sprechenden Moslems aus Uttar Pradesh und Bihar, die Erben unserer indo-persischen Kultur.
Der Kapoor Clan von Peshawar und Lyallpur, Prithviraj und drei Generationen nach ihm, ist die erste Kinofamilie, die achtzig Jahre aktiv ist. Jahrzehnt für Jahrzehnt bringt die Familie großartige Schauspieler in lückenloser Folge hervor: Prithviraj, Raj, Shammi, Shashi, Rishi, Randhir, Karisma, Kareena and Ranbir. Keine andere Schauspielfamilie irgendwo in der Welt kann sich mit den Kapoors von Bollywood messen.
Aber in Bollywood geht es nicht nur um die Abstammung. Der größte Star im Kino ist der King von Bollywood, Shah Rukh Khan.
Shah Rukh Khan kam 1988, im Alter von 22 Jahren, mit nichts in den Taschen von Delhi nach Mumbai, genau wie Baazigar, den er 1994 spielte. Zwanzig Jahre später hat er aus sich selbst den mächtigsten Mann der Unterhaltung gemacht, echte Bollywood Aristokratie – die Gandhis tafeln in seiner Villa Mannat, wenn sie in Bombay sind.
Er wird überall auf der Welt umlagert. Seine Firma produziert Filme, führt ein Animationsstudio und besitzt das Kricketteam, bei welchem Shoaib Akhtar spielt.
Seine besteuertes Einkommen im letzten Jahr umfasste eine Milliarde Rupien. Er zahlte für 2006-2007 eine Einkommenssteuer von über 300 Millionen Rupien.
Mayank Shekhar, Indiens bester Filmkritiker sagt, bei Bollywoodfilmen geht es ‚nicht um das Filmemachen’. Die Menschen, sagt er, gehen ins Kino, um ihren Lieblingsfilmstar zu sehen, wie "er sich selbst spielt."
Die Menschen gehen in einen Shah Rukh Khan Film, um Shah Rukh Khan zu sehen, nicht den Charakter, den er spielt. Die einzige Ausnahme in Bollywood, sagt Shekhar, ist Aamir Khan, der für unterschiedliche Rollen eine charakterliche Individualität aufbaut. Was einen Star ausmacht, ist ob das Publikum die Qualitäten, die ein Star verkörpert, mag und bewundert: Shah Rukh Khan ist der größte Star in Bollywood, weil er die Inder am besten repräsentieren kann.
Die Menschen aus Pakistan, die sich darüber ärgern, warum der Charakter des Helden in Bollywoodfilmen ein Hindu und die Heldin Moslem ist, sind rückläufig – das Publikum würde lieber sehen, wie Salman Khan einen Salman Khan und nicht einen Sandeep Kapoor spielt.
Vor fünfzig Jahren dachten moslemische Schauspieler, sie müssten ihre Namen ändern, um Beachtung zu finden. Yusuf Khan aus Peshawar wurde zu Dilip Kumar und Mahjabeen Bano wurde zu Meena Kumari. Heute könnte man sagen, dass es für einen Moslem wahrscheinlicher ist, in Bollywood erfolgreich zu sein. Aber das ist falsch.
Die Stars des Kinos sind allein durch den ideellen Wert berühmt. Unterhaltung ist der leistungsorientierteste Beruf von allen: Jedes Ticket ist eine Stimme für die Akzeptanz.
Drei Nationen haben ein Starsystem und das sind die einzigen Nationen, die eine Filmindustrie haben: Hollywood, Bollywood und Hong Kong. Sieben Stars dominieren Bollywood, und ihre Anwesenheit in einem Film wird für seine finanziellen Mittel, seine Publicty und seinen Vertrieb garantieren. Die sieben sind: Shah Rukh Khan, Akshay Kumar, Aamir Khan, Salman Khan, Saif Ali Khan, Sanjay Dutt und Hrithik Roshan.
In der Produktion ist Bollywood der König. Im Jahr 2005 hat Indien 1.041 Filme herausgebracht, verglichen mit 699 aus den Vereinigten Staaten und 937 von Gesamteuropa.
Zugleich mit einem Haufen Ramsch hat Bollywood die Fähigkeit, Werke von guter Qualität zu produzieren, die dennoch gefragt sind. Ein Beispiel ist die Poesie von Sampooran Singh Kalra aus Jhelum, berühmt als ‚Gulzar’.
Beiläufig wurden die Zeilen in einem lustigen Song (genannt "Chhainya Chhainya!") miteinander verwoben, den viele mehr gehört haben, als Iqbal's ‘Shikwa’ oder Faiz's ‚Subh-e-Azaadi’ - und einer ist so gut wie der andere. Die Teilung war für pakistanische Schauspieler, Sänger, Regisseure und Autoren (ausgenommen von einem) eine Katastrophe, weil nur Bombay ihnen die Ungezwungenheit und das Geld geben konnte, welches ihr Talent verdiente.
Die pakistanischen Darsteller, besonders Punjabis, mussten nur sie selbst sein, um in Bollywood berühmt zu werden. Auf den alleinigen Verdienst als Darsteller, werden sie nicht nur anerkannt, sondern auch mit offenen Armen begrüßt, ebenso wie der grandiose Sänger Amanat Ali aus Faislabad (Lyallpur). Nur ein Pakistaner produzierte seine beste Arbeit nach der Teilung und das war der größte der Autoren von Bombay – Saadat Hasan Manto.
Manto's Werk ist immer noch auf den Bühnen von Bombay zu sehen, dargestellt von Naseeruddin Shah's Theatergruppe Motley.
Naseeruddin Shah ( bei dessen Erscheinen auf der Bühne so heftig applaudiert wird, dass er das Publikum beruhigen muss - "Arey bhai, suno bhi!") spielt Manto nicht; diese Ehre gebührt dem punjabischen Schauspieler aus Surat, Ankur Vikkal.
Zwei von Manto's vier bedeutenden Werken, "Kali Shalwar" (1943) und der sensationelle "Bu" (1945), wurden in Indien vor der Teilung geschrieben, aber die Meisterstücke "Thanda Gosht" und "Toba Tek Singh" wurden in Pakistan geschrieben.
Manto's Haus in Lahore (Lakshmi Villa, gerade gegenüber dem Einkaufszentrum und vorbei am exzellenten Goonga Kababwala) ist eine geheiligte Stätte für Besucher aus Bombay, die von seiner Tochter Nighat und ihrem Ehemann Bashir Patel, der Gujarati ist, wärmstens empfangen werden. Manto war mehr als Bollywood, aber er gehörte dazu. Er hätte dem heute zugestimmt.
Alles wird von Bollywood gefeiert: Eid, Ganesh Chaturthi (Sholay's Autor Salim Khan und seine Schauspielsöhne – Salman, Sohail und Arbaaz – sind zu Hause Idole), Navratri, Christmas.
Wenn moslemische Schauspieler in Bollywood sterben ist es üblich, dass ihre janaaza in gleichem Maße oder sogar ausschließlich von Hindus mit bedeckten Köpfen getragen wird, die mit Überzeugung das Kalma rezitieren.
In Bollywood haben Hindus aufgehört Hindus zu sein und Moslems haben aufgehört Moslems zu sein. Bollywood ist besser als Indien – aber es hat das, was Indien erreichen will: Bollywood wird immer die Oberhand erlangen.
Der Autor ist ein ehemaliger Redakteur einer Zeitung, der in Bombay lebt.
Quelle: ©thenews.com
Freie Übersetzung ©2008 Bollywoodsbest by Cat12
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